Stephanie Elliott, als Violetta in La TraviataVerdi hätte bestimmt zufrieden gelächelt
Solingen. Tolle Musik und fantastische Sänger: Im sehr gut besuchten Theater hatte die Eigeninszenierung “La Traviata” Premiere. Von Jan Crummenerl

… Bei der Premiere der diesjährigen Eigeninszenierung der Stadt zeigte es sich einmal wieder, dass man mit Kuhn am Pult einen begeisterten und begeisternden Opernprofi hat. Der Jubel am Ende im fast voll besetzten Theater war grenzenlos, stehende Ovationen und Bravorufe für Sänger und Musiker. Das zeigte zum einen den Stolz der Solinger auf ihre Eigeninszenierung, es war aber auch Bestätigung dafür, dass hier eine Qualitätsarbeit abgeliefert wird, die manche Opernhäuser mit festen Ensembles zum Erblassen bringen könnte. Diese “La Traviata” ist ein weiterer Meilenstein in der Reihe der Eigenproduktionen. Und das nicht zuletzt dank der inspirierten Regie von Prof. Igor Folwill.

Eine meterhohe Stoffbahn zirkelt die Bühne ab: ein Halbkreis, in dem sich alles abspielt. Eine buchstäblich nach fast allen Seiten eingeschränkte bürgerliche Welt stellt Folwill hier auf die Bühne. Hier wird gefeiert, gelitten und gestorben. Angedeutet wird das auch durch die Farbgebung. Weiß und rot geht es in Violettas Salon bei ihren Festen zu. Weiß und blau ist es dann in der ländlichen Idylle bei Paris. “Addio, schöne Träume der Vergangenheit” singt Violetta dann ganz am Schluss.

Da verschwindet allmählich die eingrenzende Stoffbahn. Violetta muss sterben. Und sie hat doch so eine Lust auf das Leben. Der Horizont öffnet sich für sie und bleibt doch zugleich verschlossen. Und Violetta hat auch etwas Verklärtes. In ihrem weißen Nachthemd – ihr buntes Blumenkleid aus dem zweiten Bild hat sie weggeschleudert – hat sie fast etwas Märchenhaftes. Ein wenig wie Schneewittchen. Das wird Verdi wohl auch im Kopf gehabt haben, als er den Roman “Die Kameliendame” von Alexandre Dumas vertonte: eine Anklage gegen die Doppelmoral der bürgerlichen Gesellschaft. In dieser Inszenierung und Ausstattung hat Igor Folwill nicht nur den Nerv dieser Oper, sondern auch einen Lebensnerv unserer Zeit getroffen, die trotz allen modernen Gefasels wahrscheinlich noch intoleranter ist, als es zu Zeiten der Entstehung von “La Traviata” denkbar war.

Natürlich steht und fällt eine solche Aufführung mit ihren Sängern. Mit ihrem wundervoll wendigen, leichten und doch dramatischen Sopran war Stephanie Elliott eine Violetta, die das Publikum bezauberte. Stimmlich und darstellerisch bot Elliott eine ebenso lebenslustige wie verletzliche Violetta. Eine grandiose Leistung der jungen Sängerin. Ihr zur Seite stand Carlos Arguirre als ihr Liebhaber Alfredo. Mit seinem strahlenden Tenor war er die ideale Ergänzung zu Violetta: heldisch und doch zaudernd. Mit Sang-Wook Bang in der Rolle von Alfredos Vater, der die Tragödie erst in Gang setzt, war der Dritte im Sängerbund gefunden. Mit seinem strahlend kraftvollen Bariton und seiner Bühnenpräsenz bestimmte er die Szenen, in der er auftrat. Diese drei Solisten seien stellvertretend für ein tolles Ensemble genannt, das diese bemerkenswerte Aufführung erst möglich machte.
Von J. Crummenerl
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Solingen, 16.05.14